Christiane Feuerstack | |
Henning Übernzaun mit Bildern von Walter von Holst | Henning ging unruhig in seinem Hause umher und suchte etwas. Er suchte überall: hinterm Schrank, unterm Teppich, auf dem Regal, in allen Ecken und Ritzen, durchstöberte sogar den staubigen Dachboden und kramte in den Gerümpelnischen des düsteren Kellers herum. Vergeblich! Er ging hinaus in den Garten, spähte zwischen Bäumen und Sträuchern, durchkämmte den Rasen, starrte böse auf sein Spiegelbild im Froschtümpel und rüttelte endlich wütend am Zaun. Es wollte sich nicht finden lassen. |
![]() | Wenn ich wenigstens wüsste, was ich suche! dachte er verzweifelt. Ich spüre nur, dass etwas fehlt in meinem Leben. Und dieses Etwas muss ich finden! Selbst wenn ich dafür über den Zaun klettern müsste! Jenseits des Zaunes war er noch nie gewesen. Dort war alles fremd und unheimlich. Das konnte gefährlich sein! Andererseits: wenn jenes geheimnisvolle Etwas nur jenseits des Zaunes zu finden war? Dann half alle Vorsicht nichts, er musste es einfach wagen! Henning bewunderte ausgiebig seine ungewohnte Entschlossenheit, bevor er sich in Kletterabsichten an dem Zaun zu schaffen machte. Trotz seiner mangelhaften Übung im Ersteigen von Hindernissen gelang es ihm, sich mit beharrlicher Ausdauer Stück für Stück nach oben zu schieben. Jetzt noch ein eleganter Sprung, und – au weia!!… Das tat weh! Es wurde dunkel vor seinen Augen. Und dann wusste er nichts mehr – weder von Henning, noch von dem Zaun, noch von dem geheimnisvollen Etwas….. Als Henning erwachte, lag er in einem sauberen Bett und ein weiß gekleideter Mann stand vor ihm, sah ihn prüfend an und murmelte gelehrte Worte, die Henning nicht verstand. Trotzdem begriff er sofort die Hoffnungslosigkeit seiner Lage, denn er konnte sich nicht rühren und es schien ihm, als seien seine Arme und Beine wie eingemauert. Er versuchte sich zu erinnern, wie er hierher gekommen war. Nach langem Grübeln kam er zu der Feststellung, dass seine Suche nach dem geheimnisvollen Etwas von einer finsteren höheren Macht vereitelt worden sein musste! Warum sonst konnte ein harmloser Sprung von einem Zaun so übel enden? Der Arzt schien wenigstens freundlich zu sein. Henning sah, wie er sich am Nachbarbett zu schaffen machte. Der Mann, der dort lag, schien kaum noch am Leben zu sein, ein uralter, morscher, verwelkter Greis, der nur noch mühsam röchelnd atmete. Der Arzt holte etliche Schachteln aus dem Schrank, entnahm ihnen Pillen und Spritzen, tropfte Medizin aus Fläschchen in kleine Becher und stellte alles auf den Tisch. Henning beobachtete ihn zweifelnd. Glaubte dieser Arzt wirklich, einen Sterbenden noch heilen zu können? |
![]() | Der Arzt drehte sich lächelnd zu Henning um, als ob er seine Gedanken erraten hätte. Dann fegte er mit einer lässigen Handbewegung alle Medikamente vom Tisch und deutete mit der Hand nach oben. Henning folgte seinem Blick. Weit oben, über dem Kopf des Kranken, nahm er einen sonderbaren Lichtschein wahr, der sich allmählich tiefer herabsenkte. Henning beobachtete gebannt, wie der Arzt mit konzentriertem Blick diesen Lichtschein herabzuziehen schien, bis er den Kopf des Kranken erreichte und schließlich in seinen Körper eindrang. Staunend nahm Henning wahr, wie das Leuchten allmählich den ganzen Körper durchflutete wie eine funkensprühende Flamme, die neues Leben brachte. Es war, als ob ein reinigendes Feuer die Schlacken der Fäulnis und Verwesung verbrannte und der Funke des ewigen Lebens die morsche Schale durchglühte. Wie macht er das bloß? dachte Henning, während er gebannt den Vorgang verfolgte. „Ich erzeuge das Nichts," erklärte der Arzt, als ob er Hennings Gedanken erraten hätte, „und aus dem Nichts kommt dem Menschen ein Licht entgegen, sein Ich, die unteilbare Flamme des Lebens." Henning wollte noch mehr wissen, aber plötzlich überfiel ihn eine ungeheure Müdigkeit. Er schloss die Augen. „Nicht einschlafen, Sie haben noch einen weiten Weg vor sich!" hörte er die Stimme des Arztes wie aus weiter Ferne. „Aber ich kann doch gar nicht laufen!" wollte er einwenden. Doch der Arzt lachte nur: „Trägheit ist des Menschen größter Feind, denn die Giftstoffe der Fäulnis ersticken die unteilbare Flamme! Los, steh auf!" Dieser neue Tonfall brachte Henning auf die Beine. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, um vorwärts zu kommen, seine Beine bewegten sich immer nur rückwärts, dann schwebten sie in der Luft und die Füße hingen wie tote Klumpen daran. Ein sanfter Druck im Rücken schob ihn wieder nach unten und machte ihm neuen Mut. Endlich konnte er sich, wenn auch mühsam, vorwärts bewegen. |
![]() | Er öffnete die Augen. Vor ihm lag ein breites Tal, in der Ferne hohe Berge und tiefe Schluchten. Der Weg, auf dem er sich befand, führte an einem tosenden Fluss entlang auf einen steilen Berg zu, auf dessen Gipfel die goldene Kuppel eines hellen Gebäudes in der Sonne funkelte. Er war ganz allein auf diesem Weg, aber eine innere Stimme schien ihm zu sagen, dass dieser goldene Tempel sein Ziel sein musste. Er war bloß so unendlich weit weg! Schroffe Felsen und bedrohliche Abgründe machten das Weitergehen gefährlich, wenn nicht gar unmöglich! Je mehr er sich mühte, umso weiter schien das Ziel in die Ferne zu rücken. Doch umkehren wäre jetzt noch hoffnungsloser gewesen! Endlich erblickte er in der schneebedeckten zerklüfteten Landschaft eine Hängebrücke, die über einen gefährlichen Abgrund hinweg geradewegs auf den goldenen Tempel zuführte. Vorsichtig ging er hinüber und kam auch glücklich bei dem Tor zum Tempel an. Da war das Tor gar nicht mehr so golden, wie es von ferne den Anschein gehabt hatte, sondern eher streng und düster, ein scharfkantiges, dunkles, abschreckendes Holzgebilde. Wie eine Prüfung kam es Henning vor, so als ob sich nun erweisen sollte, dass er würdig genug sei, das Innere des Tempels zu betreten. Nun denn! sagte er sich und ging hocherhobenen Hauptes auf das Tor zu. Da schrumpelte das grausig-spitzige Gebilde nach links weg und gab den Durchgang frei. Dahinter erstrahlte ein blendendes Licht, so hell, dass Henning gar nichts erkennen konnte. Er tastete sich weiter in den Vorhof hinein, bis seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Da war kein Tempel mehr zu sehen, sondern ein noch höherer Berg, der ewig himmelan führte, immer spitzer, bis ins Nichts. Das war kein Weg zum Gehen, sondern einer, um sich zu verlieren! Henning wurde es unbehaglich zumute, denn ein eigenartiger Sog schien ihn nach oben ziehen zu wollen, eine Auftriebskraft, die von den grausig-schwarzen Schlacken der verschrumpelten Tür ausging. |
![]() | Er wollte zurück, bloß nicht aufgesaugt werden von dem hellen Nichts! Aber als er sich umdrehte, sah er, dass auch die Brücke, über die er gegangen war, zu einer schwarzen Schlacke verbrannt war und nur noch an einem Faden hing. Die Schlacke aber fing an sich zu regen und bewegte sich in unangenehmer Weise auf ihn zu. Wie viele schwarze Fledermäuse kam die dunkle Masse näher und bildete einen Ring um seinen Kopf. Henning stand wie gelähmt. Höhnisches Gelächter erschallte ringsumher. Abgrundtiefe Schwärze, die seinen Kopf zusammenpresste und ihn zu verschlingen drohte! Das Liniengewirr der Fledermausflügel formte sich zu einem Gewölberaum, zog sich immer mehr zusammen und wollte seinen ganzen Kopf zermalmen. „Nein!" schrie Henning, starr vor Entsetzen. Da öffnete sich an einer Stelle ein gewaltiger Schlund, in dem sich eine seltsame Gestalt in kantiger Rüstung zeigte, die gierig die Arme nach ihm ausstreckte, als ob sie ihn herabziehen wollte in das schwarze endlose Nichts. Henning nahm seinen ganzen Mut zusammen und schlug mit bloßen Händen nach dem eisernen Panzer. Da blieb ein Stück der Rüstung in seinen Fingern hängen und die bedrohliche Gestalt fiel in sich zusammen. Henning schob die Reste des gepanzerten Nichts in den Schlund zurück und bemerkte erleichtert, wie der Raum sich weitete und zu einem prächtigen lichtdurchfluteten Gewölbe wurde. Und nicht nur der Raum, auch seine Brust weitete sich und wurde von lichtvoller Wärme erfüllt. Jetzt erst nahm er wahr, dass es in dem Raum von zahllosen kleinen Gestalten wimmelte, die sich neugierig an ihn herandrängten. Es schien ihm ratsam, sich zu verbeugen und seinen Namen zu nennen. Die kleine Schar jubelte. Dann trat einer von ihnen auf ihn zu und sagte: „Das Zwergenvolk setzt große Hoffnung in dich. Du hast das Nichts besiegt und den Funken des Lebens in dich aufgenommen. Ist der Funke aber erst entzündet, so verlangt er nach himmlischer Nahrung wie die Kerzenflamme nach Sauerstoff. Leicht kann er wieder erlöschen, solange er nicht groß genug ist und keine Nahrung bekommt. Erst wenn das Feuer hell genug brennt, kann es nicht mehr durch äußere Umstände erstickt werden. Wir wollen dir helfen, deine Flamme zu behüten, denn auch für uns gibt es neue Hoffnung, wenn ein Mensch den Weg des Lebens betritt." |
![]() | Henning wunderte sich über diese Worte, aber er wagte es nicht zu fragen, was sie bedeuteten, sondern nickte nur stumm und erwartungsvoll. Da nahmen ihn die Zwerge bei der Hand und führten ihn in eine tiefer gelegene Höhle, in der es warm und feucht war und nach Fäulnis und Verwesung roch. Schwefelgelbe Dämpfe durchzogen die Gänge und erzeugten eine bleierne Müdigkeit in Hennings Gehirn. Seine Gedanken begannen zu kreisen, schweiften orientierungslos umher und vermischten sich mit Träumen, Ängsten und Erinnerungen längst vergangener Zeiten. „Wo bin ich?" fragte Henning benommen. „In der Höhle des giftatmenden Lindwurms," sagten die Zwerge und wie aus weiter Ferne hörte er die Stimme des Arztes: „Nicht einschlafen! Sie haben noch einen weiten Weg vor sich…" Henning kniff sich selbst in die Backe, um wach zu bleiben. Da fauchte und zischte etwas in seinem Rücken, aber als Henning sich umdrehte war nichts zu sehen. „Er hat sich versteckt, der Feigling!" schrien die Zwerge laut, um Henning wach zu halten. „Los Henning! Befiehl ihm, sich zu zeigen!" Da steckte ein kleiner ängstlicher Drache seinen Kopf hervor und fauchte böse. „Er will deine Flamme ersticken! Halt ihn fest!" riefen die Zwerge warnend. Schon wollte der Drache sich unbemerkt verkriechen, aber Henning war schneller und kriegte ihn am Schwanz zu fassen. Da fing der Drache an zu leuchten und sein schillernder Schuppenpanzer wuchs und wuchs, bis er Henning wie eine glänzende Schutzhülle umgab. Die Zwerge jubelten und das, was von dem Drachen übriggeblieben war, sprach die rätselhaften Worte: „Richte deine Kraft auf das Sein und die Absichtslosigkeit!" Henning konnte keinen Sinn in diesem Satz entdecken. Aber er war froh, dass die Zwerge ihn nun mit aller Kraft hinausschoben aus der stickigen gespenstischen Höhle. Es ging weiter durch schmale Gänge, an deren Wänden Adern von Metall erglänzten. Endlich gelangten sie in eine große Halle, in der emsiges Treiben herrschte. Ein frischer Luftzug strömte durch eine Öffnung herein und machte Henning wieder munter. Eine unübersehbare Zahl von Zwergen war hier beschäftigt, Gold und Silber, allerlei Erze und Edelsteine aus dem Gestein zu lösen und zusammenzutragen. Die Schatzkammer der Zwerge! „Nur eines fehlt uns hier im Berg," sagte der Zwerg, der Henning an der Hand gehalten hatte, „das ist das reine Himmelseisen. Wenn du in Michel’s Schmiede kommst, tu uns den Gefallen und bitte ihn um ein schönes Stück für uns!" Henning hatte keine Ahnung, wo Michel’s Schmiede sei, noch wie er dorthin kommen sollte, aber er versprach den Zwergen, sein Bestes zu tun, um ihren Wunsch zu erfüllen. Da jubelten sie und brachten aus einer Ecke einen goldglänzenden Stein herbeigeschleppt, der sah wie eine Blume aus. In der Mitte war ein kreisrundes Feld mit lauter goldenen Körnchen angefüllt, und darum herum ordneten sich kantige wohlgeformte Gebilde wie zackige Blütenblätter. „Pyrites lithos" erklärte einer der Zwerge, „das bedeutet Feuer-Stein, weil das Feuer in ihm wohnt und er beim Anschlagen Funken sprüht. Und da sich viele kleine Steine zu einer Blütenform ordnen, nennen wir dies Pyrit-Rose. Wir wollen dir diesen Stein schenken. Er vereint die Kräfte des Schwefels und des Eisens in sich und wird dir sicher für deinen weiteren Weg von großem Nutzen sein."
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![]() | Henning war gerührt und nahm das Geschenk der Zwerge dankbar an. Hoffentlich würde er ihr Vertrauen nicht enttäuschen! Nun wurde er zum Ausgang der Schatzkammer begleitet und die Zwerge verabschiedeten sich mit vielen guten Wünschen von ihm. Der Feuerstein würde ihn schon weiterführen, meinten sie. Er trug den kostbaren Stein vor sich her und sein goldener Lichtschein beleuchtete die dunklen Gänge mit mildem Licht. Und immer, wenn sich Unsicherheit, Verworrenheit und Angst in Henning breitmachen wollten, schien der Stein zu sagen: „Was hast du? Es ist alles in Ordnung, solange du dich nicht selbst vergisst. Auch das Unklare formt sich zu regelmäßigen Linien und ordnet sich den Weltgesetzen unter. Nur nicht einschlafen, du hast noch einen weiten Weg vor dir!" War das nicht die Stimme des Arztes? Henning war verwirrt. Er war nun schon eine ganze Weile einem hohen schmalen Gang gefolgt, in der Hoffnung aus dem Berg herauszufinden. Statt dessen sah er nun eine Treppe vor sich, die noch tiefer in den Berg führte und vor einer großen Holztür endete. Ob dies wohl Michel’s Schmiede war, von der die Zwerge gesprochen hatten? Henning blickte fragend auf den Stein, aber der blieb stumm. Zaghaft ging Henning die Treppe hinunter und öffnete vorsichtig die Tür. Da gewahrte er voll Verwunderung, dass er sich am Hintereingang eines großen Theatersaales befand, der vollbesetzt mit Menschen war. Die starrten alle wie versteinert auf die Bühne, als ob sie eine Vorstellung erwarteten. Als Henning die Tür geöffnet hatte, fiel der Lichtschein der Feuersteinrose in den düsteren Raum. Da drehten sich die Leute zu ihm um und schauten ihn erwartungsvoll an. Was wollen diese Fremden von mir? fragte er sich verwirrt. Ihre Augen waren leer und ihre Minen erstarrt. Aber er spürte etwas wie Hoffnung und Vertrauen in ihnen aufkeimen, so als ob sie sagen wollten: Wir haben jetzt begriffen, dass uns auf der Bühne nur eine Scheinwelt vorgespielt wird, zeig du uns die wahre Welt! Ich weiß doch selber nicht, wohin! dachte Henning ratlos. Da strahlte die Pyritrose in hellem Glanz auf und machte einen Gang sichtbar, den Henning vorher nicht bemerkt hatte. Er führte nach oben zu einer steilen Treppe und dann aus dem Berg hinaus. Henning ging mit dem schimmernden Feuerstein voran, und die Unbekannten folgten ihm hoffnungsvoll. |
![]() | Der Weg führte über eine weite Ebene und dann einen hohen Berg hinauf, von dessen Gipfel aus sie einen weiten Blick über die über die Landschaft hatten. Nun schienen die Unbekannten aus ihrer Erstarrung zu erwachen. Sie sahen, wie winzig klein und unbedeutend das Theater von hier oben war, in dem sie wohl auch ihren Part gespielt hatten, bevor sie in die Zuschauerrolle gedrängt wurden. Jetzt erst erkannten sie die Regisseure und Drahtzieher der Inszenierung, die sich von hier oben gesehen als wahre Plagegeister entpuppten. Sie sahen, wie das Stück auch ohne sie weitergespielt wurde nach immer denselben sinnlosen Regeln und Vorschriften. Sie sahen, wie Menschen in Blindheit anderen Menschen Leid zufügten und sich in Schuld verstrickten, und wie sie nur ihr eigenes Elend wahrnahmen und sich gegenseitig die Schuld daran gaben, als sei es der Hauptzweck ihres Daseins, den anderen ihre Blindheit und Gefangenschaft vorzuwerfen. Nun erkannten sie ihre eigene Blindheit und das Feuer der Scham ließ einen Lichtfunken in ihren leeren Augen aufglimmen. Auch Henning stand betroffen da, und die Pyritrose glühte in seinen Händen. Da nahte sich eine helle Lichtgestalt mit leuchtenden Flügeln, das war ein Engel, der sprach zu Henning: „Ich bin Luminathron. Ich bin gekommen, um diese Menschen abzuholen, die du hierher geführt hast. Ich danke dir für deine Hilfe, denn ohne dich hätten sie nicht hierher gefunden. Du aber geh weiter zu Michel’s Schmiede. Dort werden wir uns wiedersehen." Dann breitete er Arme und Flügel aus und wurde zu einem großen Lichttor. Dort hinein strömten nun die Menschen und waren bald nicht mehr zu sehen. Henning aber war ratlos. Was hatte das alles zu bedeuten? Und wie sollte er zu Michel‘s Schmiede finden? Er setzte sich nieder, denn er fühlte, wie eine große Müdigkeit ihn überkommen wollte. Gedankenverloren schaute er dem glänzenden Lichtspiel seiner Feuersteinrose zu. Er blinzelte und fing an zu gähnen. |
![]() | „Nur nicht einschlafen, du hast noch einen weiten Weg vor dir!" hörte er eine wohlbekannte Stimme, die wie aus weiter Ferne erklang. Henning blickte auf. Da fand er sich plötzlich in einer rußgeschwärzten Stube wieder, in der ein Feuer prasselte, und daneben stand ein Mann, der auf verblüffende Weise dem Arzt ähnelte, nur die Kleidung war schwarz und Hände und Gesicht waren rußverschmiert. „Ich bin Michel," sagte der Mann freundlich, „willkommen in meiner Schmiede!" Henning erwiderte den Gruß und schaute sich erstaunt um. Er hatte keine Ahnung, wie er hierher gekommen war, aber er war froh, dass er Michel gefunden hatte und ihm den Wunsch der Zwerge vortragen konnte. „Diesen Wunsch werde ich gerne erfüllen," sagte Michel. „Aber ruhe dich erst ein wenig aus, iss und trink mit mir, und schaue dich gründlich um bevor du wieder gehst." Henning war sehr froh über Michel‘s Angebot. Nach den vielen verwirrenden Erlebnissen konnte er eine Pause gut gebrauchen. Vielleicht konnte ihm Michel auch erklären, was das alles zu bedeuten hatte, wer Luminathron war, was mit den unbekannten Menschen geschah, die ihm auf so rätselhafte Weise gefolgt waren, und wozu die Zwerge das Himmelseisen brauchten? Michel musste wohl die vielen Fragen in seinem Gesicht bemerkt haben, denn er setzte sich zu ihm und begann zu erzählen: „Zwei Pfade laufen nebeneinander her: der Weg des Todes und der Weg des Lebens . Der eine führt breit und bequem abwärts, der andere steil und beschwerlich, zuweilen auch gefährlich, nach oben. Deine Seele ist schwanger geworden vom Geist des Lebens, und der Funke, der in dir entzündet wurde, bewirkte, dass die toten Seelen dir gefolgt sind. Sie waren auf ihrem Weg in so große Düsternis und Not geraten, dass sie sich nach jedem noch so kleinen Licht sehnten. Wenn sie dem Licht folgen, verlassen sie den Pfad des Todes und entscheiden sich für den beschwerlichen Weg. Deinem kleinen Licht konnten sie nur ein Stück weit folgen. Das Weitere übernimmt Luminathron." |
![]() | „Und wer ist Luminathron und was geschieht mit den Seelen?" fragte Henning gespannt. „Luminathron ist der Engel des Lichts." antwortete Michel. „Er leitet verwirrte Seelen und dunkle Wesen ins Licht. Dort werden sie von allen unbrauchbaren Schlacken befreit, der Rest kommt zu mir zum Umschmelzen. Aber auch die Schlacken werden bearbeitet, gereinigt und wiederverwertet. Bevor sie dann mit neuen Kräften und Möglichkeiten wieder ins Leben geschickt werden, pflanze ich eine Erinnerung an das Licht in ihre Seelen, damit sie nicht wieder vom Pfad des Lebens abfallen. Durch die Erinnerung erwachen sie aus ihrem Bewusstseinsschlaf. Wer aber durch das innerste Geisteslicht erweckt worden ist, kann nicht mehr sterben. Schlaf und Tod ist dasselbe." „Wieso sagst du, dass sie schlafen?" fragte Henning verwundert. „Sie gehen doch umher und reden und essen und arbeiten!" „Ja, aber sie sind wie von außen bestimmt, gesteuert wie funktionierende Maschinen. Nichts von dem was sie tun, bestimmen sie selbst. Auch ihre Gedanken und Gefühle sind nicht frei, obwohl sie das glauben. In Wahrheit ergreifen die Gedanken und Gefühle Besitz von ihnen, kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, kluge und dumme Gedanken, sinnlose, unnütze und zwanghafte Gedanken; quälende, überwältigende und niederschmetternde Gedanken und Gefühle dirigieren und beherrschen des Menschen Seele. Sie tun, was das Leben von ihnen fordert und überlassen ihr Schicksal dem Gang der Dinge. Sie handeln nicht, sondern das Leben be-handelt sie, mal gnädig, mal ungnädig. Es geschieht einfach. Und sie glauben, dass dies des Menschen Los ist und es keine andere Möglichkeit gäbe. Sie finden sich mit ihrem Sklavendasein ab und leugnen gar die Möglichkeit, diesem Dasein entfliehen zu können. Sie bleiben ein Spielball der Schicksalsmächte, statt Herr ihres eigenen Schicksals zu werden!" Henning hatte atemlos zugehört. Er spürte, dass eine große Klarheit und Sicherheit von Michel ausging, und auf eine unbestimmte Weise wusste er, dass Michel die Wahrheit aussprach, auch wenn er noch nicht alles verstehen konnte. Statt einer Antwort auf seine Fragen waren viele neue Fragen in ihm aufgetaucht. „Und worin besteht die Möglichkeit, dem Sklavendasein zu entfliehen?" fragte er schließlich. Michel antwortete: „Indem du die wahre Seele suchst. Sie ist der Schatz, der verlorengegangen ist. Die Naturseele hat nur eine organische Funktion und ist Bestandteil des Körpers. In ihr leben viele Iche in widersprüchlicher Art nebeneinander, wie Ameisen in einem Ameisenhaufen. Sie tragen die seelischen Reste vieler Vorleben in sich. Erst wenn diese einzelnen Teile miteinander verschmolzen werden, ist der Mensch individuell, das heißt unteilbar, und damit auch unsterblich." „Unsterblichkeit ersehnen doch viele Menschen," stellte Henning fest. „Was hindert sie daran, die einzelnen Teile ihrer Seele zu einer Einheit zu verschmelzen?" „Die Puffer!" sagte Michel lachend. „Ohne die Puffer könnte kaum ein Mensch es ertragen, mit den vielen Widersprüchen in sich zu leben. Die Puffer verhindern, dass er sich der Widersprüche bewusst wird. Sie sind ein Trick der Seele, mit dem sie sich selbst betrügt, weil sonst das Leben unerträglich würde. Beginnen die Puffer erst zu zerbröckeln, dann prallen die Widersprüche immer mehr aufeinander, die scharfen Kanten reiben sich aneinander, bis die Ränder abgeschliffen und weich sind und schließlich miteinander verwachsen können. Das beginnende Zerbröckeln der Puffer kommt den Menschen schmerzlich zum Bewusstsein. Davon wachen sie auf. Wenn die Teile sich nicht richtig verbinden wollen, helfe ich mit ein paar Hammerschlägen nach. Die Menschen nennen das dann Schicksalsschläge und jammern über den Schmerz, der doch zu ihrem Besten ist. Denn der Schmerz verdichtet, presst die Einzelteile zusammen und lässt sie miteinander verschmelzen." |
![]() | Henning war in tiefes Nachdenken versunken. Ja, auch in ihm waren solche Widersprüche, verschiedene Ichs, die miteinander stritten und uneins waren. Er musste sich eingestehen, dass er immer die Rolle spielte, die gerade am bequemsten für ihn war und ihn im vorteilhaftesten Licht zeigte. Allerdings konnte er genausogut an der passenden Stelle jammern und den schutzbedürftigen Schwächling spielen, wenn das seiner Bequemheit zugute kam. So passte er sein Verhalten immer der jeweiligen Situation an. Aber ob es zu ihm selbst passte? Und wer von den vielen Ichen war er denn eigentlich? Michel hatte währenddessen seinen Blick unverwandt auf Henning gerichtet. Es war, als ob aus seinen Augen ein leuchtender Strahl bis in Henning’s Herz drang. Ein Blick, der sagte: Finde deine Mitte, vereine die umherstreundenden Widersprüche und entferne behutsam die Puffer! Und Michel ergänzte: „Die Einzelteile verbinden heißt ganz werden, heil werden. Dann erst kann ein Mensch entscheiden, wohin sein weiterer Weg gehen soll. Da heißt es Klarheit zu entwickeln und abzuwägen, statt im Unbestimmten zu bleiben. Aber auch: sich selbst nicht zu wichtig nehmen! Denn die selbstlosen Taten sind die eigentlichen Begründer der Unsterblichkeit!" Sie schwiegen lange. Endlich fragte Henning: „Wie kommt es aber, dass sich die meisten Menschen ihrer Widersprüche gar nicht bewusst sind? Dass die Puffer so hartnäckig ein Aufwachen verhindern?" Michel nickte, als hätte er diese Frage erwartet. Dann stand er auf und bedeutete Henning, ihm zu folgen. Er begab sich in einen kleinen kuppelförmigen Nebenraum, in dem ein großes Fernrohr stand. „Schau hinein!" sagte Michel, „und sage mir, was du dort siehst!" „Gelblich-bläulich schimmernde Wogen, darum herum gespenstische Gestalten, die sich zu einem riesigen Drachengebilde formen." sagte Henning erschauernd. |
![]() | „Ja," erwiderte Michel, „es sind Dämonen und Plagegeister, die Schwefeldunst verbreiten, um die Menschen einzuschläfern, und dann Angst und Lähmung säen auf dem Boden der Fäulnis und Verworrenheit. Die Saat geht hundertfach auf und erzeugt neue Verworrenheit und Lähmung. Das Angstgetier aber nährt sich von der stinkenden Fäulnis und umgarnt die Menschen immer mehr. So erzeugt Bequemlichkeit und Nachlässigkeit im Denken die Angst vor dem Unbekannten, Unbeherrschbaren. Nur Klarheit und Disziplin kann das verhindern. Seit aber die Menschen bereits in Vorstellungen erzogen werden, die auf der Allmacht der Naturnotwendigkeit beruhen, ist das Angstgetier übermächtig geworden. Das Gift der Trägheit bewirkt, dass die Menschen die Lust an allem verlieren und ihre ganze Energie darauf verwenden, hohe Mauern aufzurichten, um ihre Wirklichkeit ihren Vorstellungen ähnlich und kontrollierbar zu machen. Damit schränken sie aber auch das innere Wachstum ein, die Flamme des Lebens erlischt und sie folgen dem Schein der blauen Schwefelflamme." Henning schwieg bestürzt. Was Michel sagte, klang wenig hoffnungsvoll in seinen Ohren. Doch Michel’s klarer Blick flößte ihm Trost und Mut ein. „Du solltest nicht denken, dass die Lage hoffnungslos ist, denn das würde dem Ungeheuer noch mehr Macht geben! Der Himmel duldet das Treiben der schlangenhaften Plagegeister nur in Maßen. Wenn das Maß voll ist, senden die Götter Hilfe. Schau zum Beispiel Perseus an!" Michel drehte das Fernrohr nach links und Henning sah, wie am funkelnden Sternenhimmel eine große helle Gestalt sichtbar wurde. Vor dem Helden lag ein scheußlich anzusehender geflügelter Kopf mit Schlangen in den Haaren, das grauenvolle Haupt der Medusa, bei dessen Anblick jeder versteinerte, der es erblickte oder berührte. „Seit Perseus die sterbliche Tochter der Meerdämonen enthauptet hat, wurde er in den Himmel enthoben, um Jahr für Jahr aufs Neue die Ungetüme der Unterwelt zu bekämpfen." Henning sah, wie Perseus seinen Arm erhob, und von allen Seiten kamen sprühende Lichtfunken herbeigeströmt, die sich zu einem strahlenden Lichtschwert formten. Er richtete die Spitze des Schwertes auf die drachenhaften Schlangengebilde, die gespenstisch die bläulich-gelblichen Schwefelströme durchzogen, und Henning bemerkte mit Erstaunen, wie viele der so getroffenen scheußlichen Gestalten das Licht aufnahmen und sich aus der wogenden Masse lösten. Auf einem Berg stand Luminathron und breitete Arme und Flügel aus, um die verwandelten Dämonen in sein Lichttor aufzunehmen. |
![]() | „Sie alle können so zu hilfreichen Geistern werden," hörte Henning Michel sagen. Oder war es Perseus, der mit Michel‘s Stimme sprach? Oder war es gar am Ende Michel selbst, der dort mit dem sprühenden Lichtschwert stand, um Angst, Furcht und Hass zu bekämpfen? „Ich helfe jedem, der mich darum bittet, Unrecht und Gewalt zu bekämpfen," sagte Michel nun, denn er war es, dessen Gestalt hinter den Sternen sichtbar wurde, „wer aber glaubt, selber gegen das Böse kämpfen zu müssen, wird unversehens zum Werkzeug der Macht, die er bekämpft." Dann erhob er das funkelnde Flammenschwert und schwang es über seinem Kopf. Und eine unübersehbare Zahl von Lichtfunken löste sich von dem Schwert und fiel als ein Regen von Sternschnuppen auf die Erde nieder. Und eine Sternschnuppe kam direkt auf Henning zugeflogen, und Henning hörte noch Michel’s Stimme wie aus weiter Ferne sagen: „Fang sie auf und halte sie fest!" Dann traf ihn die Sternschnuppe mit voller Wucht und riss ihn mit sich fort. Henning spürte nur noch einen Aufprall, dann wurde es dunkel vor seinen Augen. Und dann wusste er nichts mehr, weder von Henning, noch von Michel, noch von der Sternschnuppe. Als er wieder zu sich kam und die Augen aufschlug, lag ein großer Meteorit vor ihm und daneben stand ein Zwerg, der verbeugte sich höflich und sprach: „Das Zwergenvolk dankt dem Bringer des Himmelseisens!" Dann nahm er den Meteoriten und verschwand damit. Henning rappelte sich mühsam auf und blickte sich um. Aha, ein Zaun..., stellte er leicht benommen fest. Wie lange mochte es wohl her sein, dass er von eben diesem Zaun heruntergefallen war? Er humpelte um den Zaun herum und betrat sein Haus durch den Vordereingang. Auf der Treppe vor der Haustür fand er ein kleines Paket. Und als er es öffnete, lag die Pyritrose darin! |
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